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Psychoterror am kirchlichen Arbeitsplatz
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von Renate Haller

Die Grenzen sind fließend: Aus ungelösten Konflikten kann Mobbing entstehen.

Psychoterror am Arbeitsplatz, seit einigen Jahren unter dem Begriff Mobbing bekannt, gibt es auch in der Kirche. Mangelnde Konfliktfähigkeit und schlechte Kommunikation werden als Gründe genannt.

Elisabeth Meier leitet einen Kindergarten (Namen von der Redaktion geändert). Sie liebt ihren Beruf, ist bei Kolleginnen und Eltern anerkannt. Wenn es einmal Schwierigkeiten gibt, sind sie in aller Regel zu klären. Bis Elisabeth Meier den Versuch unternimmt, die christlichen Bezüge in dem evangelischen Kindergarten durch Gebete mit den Kindern und Gottesdienstbesuche zu intensivieren. Ein Teil der Erzieherinnen und einige Eltern können damit wenig anfangen und wollen sie bremsen. In Briefen an den Kirchenvorstand, an Eltern und sogar an die örtliche Kommunalverwaltung fangen sie an, Elisabeth Maier schlecht zu machen. Sie ziehen ihre Qualifikation in Zweifel. Gerüchte über psychische Probleme der Leiterin machen die Runde. Der Konflikt eskaliert, Frau Meier wird tatsächlich krank und eines schönen Tages, als sie dem Druck nicht mehr standhalten kann, unterschreibt sie den ihr vorgelegten Aufhebungsvertrag. ...

Ein Streit der zu Anfeindungen führt muss demnach kein Mobbing, kann aber die Grundlage dafür sein. Meist entsteht Mobbing auf der Basis ungelöster Konflikte. Und wie ihr Beispiel zeigt, macht der gezielte Psychoterror am Arbeitsplatz auch vor Kirchentüren nicht halt. ... Da wird ein Sachbearbeiter plötzlich von niemandem mehr gegrüßt, ein Chef teilt seiner Sekretärin nicht mehr mit, wo er zu finden ist, ein neues Passwort verhindert den Zugang zum Computer, Gerüchte zerstören das Ansehen eines Menschen.

Eine eindeutige Kategorie wer von seiner Persönlichkeit her besonders gefährdet ist, gemobbt zu werden, gibt es nicht: nach der Erfahrung des Geschäftsführers des „Vereins gegen psychosozialen Stress und Mobbing" (VPSM) in Wiesbaden, Lothar Drat, eskalieren Mobbing-Prozesse allerdings häufig bei relativ starken Persönlichkeiten, die es nicht gewöhnt sind vor Angriffen zurückzuweichen. Wer aus einer Gruppe heraustritt, sei es im positiven Zusammenhang etwa mit konstruktiven Verbesserungsvorschlägen für einen Arbeitsablauf, oder im negativen durch nichtalltägliches Verhalten, läuft schnell Gefahr, sich den Arger der Kollegen oder direkten Vorgesetzten zuzuziehen.

Zu finden ist Mobbing überall, besonders oft aber im öffentlichen Dienst und im sozialen Bereich. Je weniger messbar eine Leistung sei, desto gefährdeter sein ein Berufsfeld, sagt Lothar Drat. Zugrunde liege dem Mobbing häufig ein ungelöster Konflikt.

Der Geschäftsleiter des Verbands kirchlich.er Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, K. Dieter Müller, sieht einen Grund dafür, dass auch in kirchlichen Einrichtungen Konflikte nicht sachlich und kollegial ausgetragen werden, in schlechter Kommunikation. In kirchlichen Einrichtungen mangele es an der Bereitschaft zum Zuhören. Vor zehn Jahren habe es in der Kirche weniger Mobbing gegeben, das Klima sei insgesamt besser gewesen, urteilt Müller, der auch den Fall von Elisabeth Meier geschildert hat.

Die Ursachen für diesen Wandel sieht er zum einen in den leeren Kassen, die auch kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um ihre Arbeitsplätze fürchten lassen, und zum anderen in einem allgemeinen Wertezerfall von dem auch die Kirche nicht verschont bleibe. „Die Ellenbogengesellschaft ist auf dem Vormarsch", sagt Müller. Diese Erfahrung machen auch die Vorsitzende der Mitarbeitervertretung (MAV) der Kirchenverwaltung in Darmstadt, Angela Becker, und ihr Stellvertreter, Helmut Fladda. Dass Probleme über Jahre hinweg bestehen könnten, liegt nach Ansicht der Mitarbeitervertreter an mangelnder Führungsqualität von Vorgesetzten. Es fehle vor allem die Fähigkeit, mit Konflikten umzugehen, sagen Becker und Fladda.

Das Risiko in 35 Berufsjahren einmal gemobbt zu werden liege bei eins zu vier, sagt Lothar Drat vom Verein gegen psychosozialen Stress und Mobbing. Etwa zehn Prozent der Betroffenen erkrankten ernsthaft, jeder sechste Selbstmord in Deutschland habe seine Ursachen in Mobbing am Arbeitsplatz.

Mobbing ist nicht nur folgenschwer für die Gesundheit der Betroffenen, es ist auch teuer für die Arbeitgeber. Genaue Zahlen für Deutschland gibt es nicht. Auf Milliardenhöhe werden allerdings die Kosten geschätzt, durch sinkende Arbeitsleistung, durch psychischen Druck, häufiges Kranksein. Sabotage, Abfindungsgelder, Rehabilitationsmaßnahmen oder auch Schadensersatz entstehen. Letzteres kommt vor, wenn auch selten. ...

Mobbingopfer auch unter Pfarrern

(rh)

Auch Pfarrer werden gemobbt. Martin Zentgraf, Vorsitzender des Pfarrerinnen- und Pfarrervereins, kennt Gemeinden in denen der Kirchenvorstand dem Pfarrer oder der Pfarrerin den Zugang zum Kassenbuch verweigert, Schriftwechsel untersagt oder versucht dem Seelsorger die Informationsdrähte zu kappen. Pfarrer seien mitunter einem Kirchenvorstand regelrecht ausgeliefert.

Die Stimmung in den Gemeinden sei schlechter geworden, sagt Zentgraf. Einige Kirchenvorstände hätten sich aus dem Bewusstsein heraus, dass es derzeit ein Überangebot an Pfarrern gebe, einen recht rüden Umgangston angewöhnt.

Mit einem „Hilfsverein für evangelische Pfarrer' hat in Moers Pfarrer Roland Reuter reagiert.. Mit dem Verein wolle man aus dem Amt gedrängten Seelsorgern helfen. „Gemobbten glaubt man nicht", urteilt Reuter. In den vergangenen Monaten hätten sich rund 100 Hilfesuchende gemeldet. Für ihn liegt das Problem im Pfarrdienstgesetz, dass es beispielsweise in der Evangelischen Kirche im Rheinland möglich mache, dass ein Pfarrer ohne Lehrbeanstandung oder Disziplinarverfahren aus dem Amt entfernt werde, wenn „gedeihliches Wirken" nicht mehr möglich sei.

Auch in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau gibt es den Ungedeihlichkeits- Paragraphen. In diesem Fall werde nicht nach den Gründen für einen Konflikt gefragt, sondern der Pfarrer oder die Pfarrerin aus dem Amt abberufen, erklärt Pfarrer
Christopher Kloß, Vorsitzender des Pfarrerinnen- und Pfarrerausschusses.

Für Kloß hat diese Situation etwas „absurdes". Wenn man sich schon am Scheidungsrecht orientiere, sollten wenigstens alle Beteiligten danach behandelt werden. So aber werde einer abgestraft während der andere „fest im Sattel sitze". Es könne doch schließlich nicht angehen, dass immer die Pfarrer aus dem Amt entfernt würden, wenn beispielsweise eine Gemeinde in 16 Jahren acht Pfarrer verschlissen habe, sagt Kloß.

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